http://germanletters.org/plugins/Dropbox/files/Taylor_0601_0001.jpg - image of
« previous page | next page » |
To rotate image, first hold down Alt and Shift keys, then drag with mouse or trackpad (Safari, Chrome & Edge only).
Current Page Transcription
[page 1:]
Gotha, den 14ten April 1860.
Meine liebe Maria!
Die ganze Woche ist wieder verflossen, ohne daß es mir möglich war Deinen lieben Brief zu beantworten, ich kann nicht mehr das durchsetzen, was ich gerne will u. werde überhaupt nie mehr mit dem, was ich mir vornehme fertig, was mich zuwei= len recht mißmüthig macht. Durch Ida's Brief, welchen die Tante Au= guste in den ihrigen gelegt hast Du Nachricht von uns erhalten u. so hoffe ich, daß Du nicht unruhig darüber bist, daß der meinige länger ausbleibt. Die Nachricht daß Buflebs sich noch zu der Rei= se nach Amerika entschlossen haben, wird Euch gewiß ebenso sehr erfreut, wie überrascht haben, uns selbst ist es so gegangen, ich freue mich sehr darüber, daß Euch die Freude, sie bei Euch zu sehen noch zu Theil wird u. freue mich auch sehr, daß der Tante der sehnliche Wunsch Euch besuchen zu können noch in Erfüllung geht u. wünsche nur, daß Gott ihnen eine glückliche Reise ge= ben möge. Sie freuen sich sehr darauf u. sind voll auf beschäf= tigt mit den Zubereitungen dazu, die Plätze sind schon ge= nommen, sie werden aber erst den 8ten May u. nicht, wie früher bestimmt war, den 1ten von Hamburg . An einen [sic], nach Neu - York abgegangenen Schiff ist im Canal etwas an der Maschine entzwei gegangen, weßhalb die Schifffahrtsgesellschaft ein anderes Schiff nach [roman:] Southampton [/roman] schicken musste u. den 1ten May keines zum Abgang bereit hat. Ich glaube es ist sehr gut, daß der Onkel sich noch zu der Reise entschlossen hat, hier wäre er doch den Sommer über nicht geblieben u. seine Stimmung war vor einigen Wochen noch so, daß die arme Tante wohl oft schrecklich darunter zu leiden gehabt hat, seit der Entschluß zur Reise gefasst ist, ist er sehr vergnügt.
den 16ten. So weit war ich vorgestern mit meinem Brief gekommen, gestern, an meiner seligen Vaters Todestag wurde Adolph Braun confirmirt, ich ging in die Kirche mit sehr gedrückten Herz u. als ich zurückkam fand ich Deinen lieben Brief mit der sehr traurigen Nachricht von der armen Emma B. die
[/page 1]
[page 4:]
ich so recht lebhaft daran denke, fühle ich mich fast nicht stark genug dazu ihr u. Emma dieß Opfer zu bringen. Ich will nichts bestimmen, bis Wilhelm zurück ist, geht er noch in diesem Sommer nach Petersburg, so kann sie vielleicht mit ihm reisen u. der Regel zurückkommen. Ida müsste sich wohl noch darein finden, wenn sie jetzt die Reise aufge= ben sollte, sie ist ja noch so jung, daß sie noch genug in die Welt hinaus kommen kann, aber Emma thut mir so leid, sie scheint sehr sehnsüchtig zu sein. Wenn ich daran denke, daß ich in diesem Jahre wieder keines meiner Enkel= chen sehen werde, so treten mir die Thränen in die Augen. - Die Bestimmung die Ihr getroffen habt, daß Deines lieben Mannes Eltern mit Annie u. Emma zu Euch ziehen werden, finde ich sehr recht u. gut u. ich kann sagen, daß sie ein wohlthuendes Gefühl auf mich ausgeübt hat, es that mir immer so leid, wenn ich von Dir hörte, daß die beiden Mädchen so überhäuft mit Arbeit wa= ren u. das Gefühl, den Eltern das Alter damit erleichtert zu haben, wird immer ein schönes u. beruhigendes für Euch sein. Es hat mich sehr amüsirt daß Lilian sich so hartneckig [sic] weigert die deutsche Sprache zu sprechen, es ist dieß ein Zeichen, daß sie einmal einen festen Charakter haben wird, aber auch eine Mahnung an Dich, liebe Marie, daß Du ihre Erziehung mit der größ= ten Sorgfalt u. Aufmerksamkeit leiten musst. Nach allem, was Du mir von ihr geschrieben, scheint sie ein an geistigen Vorzügen besonders begabtes Kind zu sein, möge Gott geben, daß diese sich auf das glücklichste bei ihr entwickeln. Ich bin auch sehr froh bei den [sic] Gedanken, daß sie nun wieder aufs Land kommt u. da die frische Luft, die den Kindern so unendlich wohlthätig ist, genießen wird. Von Fritz Henneberg habe ich die Antwort erhalten, daß er bald nach Empfang Deines Briefes einige Zeilen an Dich geschrieben hätte, von welchen [sic] Datum sie gewesen, wisse er nicht mehr, sie hätten auch nur eine unbestimmte Ant= wort enthalten, er würde aber nächstens wieder an Dich schreiben. Gestern ist der Präsident Freitag gestorben u. heute Morgen der alte Fey beerdigt worden. Der Hofrath Ziegler ist auch kürzlich gestorben. Das Frühjahr nimmt viele alte, aber auch junge Leute weg, es ist aber auch so anhaltend rauh, wie ich mir nicht oft erin= neren kann, wir haben wohl oft heitere Tage, aber immer empfindlich kalt dabei. Emma Fahland (Herrmann) lässt Dich herzlich grüßen, sie war zum Besuch hier u. scheint sehr glücklich zu sein. Auf die Cigarren freut sich der liebe Vater sehr, er hat schon nach= mal davon gesprochen ob Dein guter [insertion:] Mann [/insertion] wohl daran denken würde. Auch wir freuen uns sehr auf das, was Euere Güte für uns bestimmt hat, über den Zoll mach Dir nur keine Sorgen, wir werden ihn gerne zahlen für die Freude etwas zu erhalten, was aus so weiter Ferne von geliebten Kindern kommt. Ich wollte Dir so gerne einen Burnus verschaffen u. wandte mich deßhalb an Madlung, der mir auch sogleich einen echten Be= duinenburnus, genau wie Ida's, kommen ließ, (von Berlin) da er aber 30 rk kosten soll so habe ich ihn Dir schicken mochte, doch nicht genommen, da Alle den Preiß unvernünftig fan= den. Ich werde Dir einen, genau nach Ida's Schnitt, von den [sic] Zeug, wie jetzt hier die Be= duinenmäntel getragen werden, machen lassen u. mit schicken, ich glaube, daß Dir ein solcher noch weit bessere Dienste leisten wird, wie der weiße, der nur zu sehr eleganter Toilette getragen werden kann. für das was er weniger kostet, kann ich Dir noch etwas anderes schicken. Solltest Du aber dennoch den weißen gerne haben wollen, so brauchst Du mir nur Auftrag zu geben, ich kann ihn gleich haben u. es findet sich vielleicht noch eine andere Gelegen= heit, mit der ich ihn schicken kann. Für Lilian habe ich ein reizendes italienisches Strohhütchen, ich schreibe es, damit Du ihr kein's kaufen sollst u. hoffe, daß dieß nicht schon geschehen. Die Wäsche, die ich für Dich habe, will ich nicht mitschicken, da es mir schien, als wenn es der Tante zu viel Gepäck würde
[/page 4]
[text on top of page 1, written upside down:] Auch die Uhr behalte ich da, da man einen Aberglauben hat, daß der wieder kommt, der etwas zu= rück lässt Du wirst darüber lachen u. ich selbst finde es auch lächerlich, aber ich glaube ich bin doch nicht frei davon, denn ich kann mich nicht entschließen die Uhr mit fort zu geben. Betty ist vorigen Donnerstag hier angekommen, sie sieht sehr wohl aus u. ist glück= selig über den neuen Wirkungskreis, der sich ihr eröffnet. Ich fürchte nur, daß sie keinen leichten Stand haben wird, die französische Gouvernante hat immer einen sehr ungünstigen Eindruck auf mich gemacht. Grüße Deinen lieben Mann aufs herzlichste, auch seine Eltern u. Geschwister u. Lilian gieb herzliche Küsse von ihren Großeltern. Der gute Vater sendet Euch die besten Grüße, auch Ida. So leb denn wohl meine liebe Marie, Gott möge Euch alle behüten! Mit der herzlichsten Liebe Deine Mutter.
Wir sehen mit großer Sorge einer Nachricht von der armen Emma entgegen, möge Gott geben, daß sie nicht so lange leiden muß. [/text on top of page 1, written upside down]
